Deus deorum Dominus — Ps. XLIX (50)

In der Mitte thront Christus als Herr der Welt und des Gerichtes, umgeben von den sieben Leuchtern der himmlischen Mächte. Ihm zu Füßen kniet der Seher Johannes, der aufschreibt, was ihm geoffenbart wird.

„Gott selbst wird Richter sein.“ (Ps. 49, 6)

Psalm 49 besteht aus drei klar gegeneinander abgesetzten Teilen: Eine Einleitung (1 – 6), die von Erklärern oft als die „Vorbereitung der Bühne“ für den kommenden großen Auftritt des richtenden (besser: des zurechtweisenden) Gottes verstanden wird. Dem folgen zwei Haupt­teile, in denen der Herr selbst als Redender und Handelnder auftritt. Der erste (7 – 15) gibt eine Anleitung zum rechten Opfer, zur rechten Opfergesinnung. Der zweite (16 - 22) kritisiert die „Frevler“, in der lateinischen Tradition auch als „Sünder“ übersetzt, die es nicht nur an der rechten Opfergesinnung fehlen lassen, sondern mit der Teilnahme am Gottesdienst nur ihr schändliches Leben überdecken wollen. Beide Hauptteile werden jeweils mit zwei Versen abgeschlossen, die in lehrbuchhafter Kürze die Summe des Vorhergehenden ausdrücken und zur Besserung mahnen.

Der Psalm enthält einige Schwierigkeiten auf sprachlicher Ebene, die hier zuerst aus dem Weg geräumt werden sollen. Am Anfang steht eine besonders feierliche Form der Gottes-Anrede, die nach der griechisch-lateinischen Tradition im Deutschen durchaus passend mit „Der Gott der Götter, der Herr“ wiedergegeben wird. „Gott der Götter“ ist hier keine Erinnerung an überwundene polytheistische Vorzeiten, sondern die Wiedergabe des hebräischen „Elohim“ – des allgemeinen Begriffes für Gott, der in den Psalmen 41 – 80 fast ausnahmslos an Stelle des persönlichen Gottesnamens Jahweh gebraucht wird. Ihr besonderes Gewicht enthält die Anrede dadurch, daß vor diesem stets im Plural ge­brauch­ten Wort noch dessen Singularform steht, und danach noch der persönliche Gottesname „Jahweh“ ausdrücklich genannt wird.

Erst im 4. oder 3. vorchristlichen Jahrhundert verdrängte das Tabu den eigentlichen personalen Namens „Jehovah“ durch den (nur im mündlichen Vortrag gebrauchten) Platzhalter „Adonai“ . Ein Versuch, diese feierliche Form im Deutschen nachzuahmen, könnte etwa zu diesem Ergebnis führen: „Gott (el), der große Gott (elohim), unser Gott Jahweh, hebt an zu reden.“ Darin liegt, wie schon des öfteren angemerkt, der große Verlust der Übernahme der jüdischen Gewohnheit, den Gottesnamen nur zu schreiben, nicht aber auszusprechenen, und das bei den westlichen Sprachen auch im Schriftbild, so daß dieser Name ganz aus dem Blick gerät. Doch Jahweh ist für Israel nicht (ein) Gott allgemein, (kyrios, dominus), sondern unser Gott, der Gott unseres Stammes und unseres Landes; Wir kennen seinen Namen, wir sind seine Familie (die Schafe seiner Herde, Ps. 78, 13; 95, 7; 100,3).

Eine zweite Schwierigkeit bereitet das Wort „richten“ oder „Richter“. Vielleicht aus der lateinischen Tradition heraus denken viele bei diesen Worten überwiegend an den Richter, der Urteile fällt, an einen Mächtigen, der etwas abschließt – und das ist auch nicht ganz falsch. Aber es trifft nur einen Teil des Begriffes, der im Hebräischen ebenso wie im Deutschen auch das „berichtigen“ und „richtig machen“ enthält: Der Richter ist nicht nur einer, der ein endgültiges Urteil fällt, sondern auch der, der anzeigt, was recht ist und das, was „unrecht“ ist, wieder „richtig“ macht. Ein ganz ähnliche Zwiespältigkeit begegnet dem Beter in Psalm 75, der anhebt, als kündige er das Weltgericht am Ende aller Zeit an – und der dann doch anzeigt, daß es danach „irgendwie“, aber auf jeden Fall „berichtigt“ weiter geht.

Dieser Doppeldeutigkeit entsprechend haben einige christliche Erklärer Psalm 49 heils­geschichtlich beim Weltgericht am Ende der Zeiten verortet, während andere das „richtig machen“ betonen und in diesem Psalm daher eine Vorausweisung auf die Inkarnation und das Erlösungsopfer Christi sehen, der dem vom Weg des Heils (Vers. 23!) abgeirrten Menschengeschlecht wieder die „richtige Richtung“ eröffnet hat. Darin steckt die Erwar­tung des „Richtigmachers“, der der Weltgeschichte richtig stellt, des neuen Adam Erden­sohn, der recht macht, was der alte verdorben hat – aber ebenso auch die Erwartung des Weltenrichters, der nicht nur verurteilt, sondern für die neue Welt alles gerade richtet, was in der alten schief gegangen ist: Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwi­schen, und der Tod wird nicht mehr sein, dann wird weder Leid noch Geschrei noch Schmerz sein; denn das Frühere ist vergangen (Offb. 21, 4).

Diese Assoziation greift freilich dem Beten der frommen Juden beim Vortrag von Psalm 49 weit voraus. Für sie behandelt der Psalm in der aus Jahwehs Mund vergetragenen Richtigstellung von verbreiteten Irrtümern zunächst ein ganz und gar gegenwärtiges Problem: Wie können wir rechte, Gott wohlgefällige Opfer darbringen? Der Gedanke an das Weltgericht mag dabei mitgeschwungen haben – vorherrschend war er sicher nicht. Auch eine messianische Komponente mag mitgeklungen haben, selbst wenn als Heils­bringer hier zumindest in der Eröffnung nicht ein künftiger „Gesalbter Jahwehs“, sondern der Höchste selbst angesprochen ist.

Den Psalm als radikale Opferkritik zu interpretieren, wie das von modernen Exegeten gelegentlich gemacht wird, ist wohl trotz seiner stellenweise sehr starken Ausdrucksweise verfehlt: Der Gedanke und die Verpflichtung zum Opfer sind tief und an zentraler Stelle im Gesetz verankert – kein Jude konnte es wagen, dem im Grundsatz zu widersprechen. Worum es in der hier und in anderen Psalmen vorgetragenen „Opferkritik“ geht, das ist die rechte Opfergesinnung, die bei „Frommen“ ebenso wie bei „Frevlern“ auf mehrfache Weise immer wieder gefährdet war. Und Opfer, die aus falscher Gesinnung heraus und mit falscher, gar betrügerischer Absicht erfolgen, sind dem Herrn wahrhaftig ein Gräuel – dieses Bewußtsein zieht sich bis ins neue Testament, wo in der Apostelgeschichte (5, 1 – 11) davon berichtet wird, wie Hananias und Saphira, die Petrus (und damit den Herrn) beim Opfer für die Gemeinde betrogen, vom Zorn Gottes mit dem Tode bestraft wurden.

Die Einleitung stellt in eindrucksvollen Bildern die Macht und Herrlichkeit Gottes vor Augen und hat damit wohl wesentlich dazu beigetragen, den Psalm auch in Hinblick auf das Weltgericht am Ende der Zeiten zu verstehen – obwohl dieses Verständnis im Folgen­den nicht wirklich gestützt wird: Wo Sünder und Frevler, wie es hier geschieht, zur Bes­serung aufgerufen werden, ist eben noch nicht von einem endgültigen Urteil die Rede, und erst recht nicht vom Ende aller Zeiten. Neuere Erklärer vermuten als Ursprung des Psalms eine „Buß- und Bet“-Liturgie in Verbindung mit den Opferfesten des Temples – das klingt trotz fehlender Belege durchaus plausibel und wäre ebenfals eine einleuch­tende Erklärung für den überaus feierlichen Ton der Einleitungsverse. Zumal diese Erklärung eine Assoziation hinsichtlich des Weltgerichts am Ende der Zeiten ja nicht ausschließt. Im Gegenteil: die Hinlenkung des Blickes auf das Endgericht macht die in der Gegenwart erfolgende Mahnung ja umso eindringlicher.

Der erste Hauptteil von Psalm 49 kritisiert die (halb)Frommen, die in dem Mißverständnis befangen sind, Gott sei in irgendeiner Weise auf ihre Opfer angewiesen und die ihre Opfer darbringen, um sich das Wohlwollen Gottes zu erkaufen: Tausche Stierkalb gegen Schutz vor Gewitter. Und noch schlimmer: Das alte Israel lebte in der ständigen Versuchung zur Magie, also zu der Vorstellung, es sei möglich, durch Handlungen oder Worte Macht über die Gottheit zu erringen und sie so dem eigenen menschlichen Willen zu unterwerfen. Beidem, dem Tauschhandel ebenso wie der Magie, erteilt die Rede Jahwehs eine starke Absage: „Hätte ich Hunger, ich brauchte es dir nicht zu sagen, denn mein ist die Welt und was sie erfüllt.“

Die beiden Abschlußverse dieses Teils stellen „Opfer“ (ohne blutige Opfer ausdrücklich anzuführen) in den Zusammenhang des besonderen Treueverhältnisses zwischen Jahweh und seinem Volk, seinen Gläubigen. Sie enthalten einen Aufruf, ja sogar die Verpflich­tung, zu unbedingtem Gottvertrauen – gerade darin, in dem Verzicht auf eigenes Planern und eigenen Willen, liegt das Wesen des rechten Opfers und der Unterschied gegenüber jeder versuch zu magischer Beschwörung. Dieser Gedanke wird später im Johannesevan­gelium und insbesondere dem 1. Johannesbrief aufgegriffen und expliziert: 1 Johannes 14,14: „Und dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, dass er uns hört, wenn wir etwas erbitten, das seinem Willen entspricht.“ Und Johannes 13 ff: „Alles, um was ihr in meinem Namen bitten werdet, werde ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht wird. Wenn ihr mich um etwas in meinem Namen bitten werdet, werde ich es tun. Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“

Der zweite Hauptteil widmet sich den Frevlern und Heuchlern, die im Gottesdienst und den damit verbundenen Opfern vorwiegend ein Mittel sehen, um ihre Mitmenschen (womöglich auch Gott selbst?) über ihre Schlechtigkeit zu täuschen. Zunächst hält die Rede ihnen ein eindrucksvolles Sündenregister vor: Sie machen fromme Worte – und verachten doch Gottes Gesetz. Sie sind zu jeder Schandtat bereit – Diebstahl und Ehebruch werden explizit benannt. Sie verderben Familie und Gesellschaft – und glau­ben, damit durchzukommen. Was für ein Irrtum! Die abschließenden Verse enthalten auch hier keine engültige Verurteilung, sondern im ersten eine strenge Mahnung samt drastischer Strafandrohung, das frevelhafte Verhalten zu berichtigen. Der zweite Schluß­vers faßt dann beide Hauptabschnitte zusammen und betont die Heilsperspektive, ohne diese auf das Wohlergehen „in diesem Leben“ einzuschränken.

Letzte Bearbeitung: 29. Mai 2024

*

zurück weiter